Alma maaa…

Liebe Universität Freiburg!

Seit ich mich vor 34 Jahren zum ersten Mal eingeschrieben habe, war es stets etwas Besonderes für mich, Teil deines Betriebes sein zu können, auch wenn dies als für mich als Rollstuhlnutzer bedeutete auf teilweise absurden Wegen deine Hallen zu durchqueren.Ein kleiner Preis, hat mich doch nie der Zauber deiner eigenen Note der Alma Mater Studiorum verlassen.

Letztes Jahr habe ich mich mit neuem Schwung und neuer Kraft noch einmal in die Reihen der Studierenden eingegliedert. Mit leichtem Ekel ließ ich Belehrungen über Punkte und Vorgaben, über Modulpläne und Studienverlaufspläne, über die versteinerte Form rein schulischer Anforderungen an die ursprünglich als Wissenssuchende gedachten Studierenden über mich ergehen. Andere Zeiten, andere Anforderungen. Ein Grund noch mal zu studieren: diesem hirnverbrannten, pervertiert ergebnisorientierten Betrieb fundiert das eine oder andere kräftig Wörtlein entgegen werfen zu können.

Nein, das wird kein „früher-war-alles-besser-Lamento“, das, was heutzutage an der Universität betrieben wird Studieren zu nennen, fällt einfach nur schwer.

Nun, wenigstens hoffte ich die Universität als einen Ort zufinden an dem die Verspiessung der Umgebung, die zunehmende Kleingeisterrei und Provinzialität des Denkens, keinen Zugang hatte. Ohne dies näher ausführen zu möchten war dies die nächste bittere Enttäuschung. Natürlich gibt es immer noch diejenigen die anders sind, anders denken, anders handeln (damit meine ich nicht unbedingt die rebellische Jugend, die auf ihre Art und Weise ihre eigene Form von Spießigkeit und Intoleranz kultiviert). Die Mehrheit allerdings…

Der Tenor ist, vieles, das vor sich geht, scheint mit dem Insta-wannabe-50ies-Set gebaut.

Nun, du hast den Bauernkrieg, Kaiserwetter und Den Meister überlebt und erfolgreich die braunen Flecken jener 1000 Jahre mit einer ausgeklügelten Strategie des „Ähm“, „Nun“, „Tja“ verarbeitet. Es bleibt zu hoffen,dass auch diese Phase des Angriffs der Technokraten, Kassenwarte und Büttel der Industrie, an die vorüberziehen mag und du gestärkt daraus hervorgehst.

Im Augenblick sieht es allerdings finster aus.

Eine der uneingeschränkt positiven Punkte an meinem neuen Studium war die 24 Stunden Öffnung der Bibliothek. Nein, ich möchte hier nicht reden über die Unfähigkeit der Statiker und Architekten, ein Bauwerk zu berechnen das dicht ist, nicht absackt und bei denen keine Teile in großer Hitze herunterfallen. Das Karlsruhe Institute of Technology scheint es fertig gebracht zu haben ein Bibliothekshochhaus zu errichten, bei den die oberen Stockwerke leer bleiben müssen, da die Statiker vergessen hatten, das Gewicht der lästigen Bücher die dort hinsollten, in die Stabilitätsberechnung mit einzubeziehen.

Tand, Tand, ist das Gebilde von Menschenhand…

24 Stunden UB. Tatsächlich einZentrum, ein Ort, von dem man wusste als Studierender, dort gehöre ich hin, dort bin ich Tag und Nacht willkommen. Ich finde dort Zuflucht, kann dort in Ruhe lernen zu einem Zeitpunkt, der meinen eigenen Bedürfnissen entspricht. Und selbst, wenn ich, aufgrund welcher Umstände auch immer, in der Nacht in Freiburg gestrandet bin, die hell erleuchtete UB war für mich da.

Not so anymore.

Ich kann es verstehen, Liebe Universität Freiburg, dass man beim Budget von 300 Millionen €, über 300.000 € im Jahr in Tränen ausbrechen muss. Ich bin der letzte der behauptet mit Geld umgehen zu können, von daher muss ich zugestehen, dass die Kassierer und Bleistiftspitzer, die sich hierauf eine Einsparbarkeit gestürzt haben, sicher ihre guten Gründe hatten. Aber jetzt mal ganz ehrlich, Liebe Universität Freiburg, wieweit willst du noch in der Provinzialität versinken, deine mentale Mittelmäßigkeit hinter lustigen, oder wie man es auf neudeutsch sagt, fancy semi-englischen Neologismen wie Exzellenzcluster verstecken. Sollte es dir nicht wert sein, deinen Studenten mehr zu bieten als eine stressbeladene, rein ergebnisorientierte Fliessband-Wissensvermittlungsmaschine zu sein? Geld in etwas zu investieren, das uns allen das Gefühl gibt, doch Teil eines Besonderen, dessen,was anderswo noch mit Achtung Akademia genannt wird, zu sein?

Nun ja, stattdessen gibt man sich alleMühe genau das Gegenteil zu erreichen. Falls es den Herren Entscheidern nicht bekannt ist: gerade auch in den Geisteswissenschaften kann eine halbe Stunde mehr studieren, mehr lernen, mehr arbeiten, entscheidend sein. Sind die Zeiten der Universitätsbibliothek schon reduziert auf 7:00 Uhr bis 12:00 Uhr nachts, dann sollte es wenigstens möglich sein auch bis 12:00 Uhr nachts zu arbeiten, ohne von griesgrämigen Wachleuten schon um 23:30 Uhr angemacht zu werden, man solle doch sein Zeug zusammenpacken. Und wenn an der Tür steht, Einlass bis 23:45 Uhr, dann sollte man nicht 23:40 Uhr dumm angeblöt werden, wenn man nochmals an seinen Spind will.

Von dem Gefühl der Zuflucht, des Ortes der Ruhe mitten in der Stadt an dem man willkommen ist, ist nicht mehr viel übrig. Die UB ist nur ein weitere Fabrikhalle zur Wissensvermittlung.

Das ist traurig und unnötig.

Von den sehr interessanten Arten der UB mit der teilweise eingeschränkten Zugangsmöglichkeit für Rollstuhlfahrer über den Sommer umzugehen, schreibe ich an anderer Stelle.

Fürs erste sei nur gesagt, diesem Verfall einer Art des Lehrens, Lernens, der Universalität und der Suche nach dem tieferen Verständnis nicht zuletzt der conditiohumana will ich nicht weiter untätig zu sehen.

Zu vieles steht auf dem Spiel, Schweigen ist keine Option.

Bild: Von Taxiarchos228 – Eigenes Werk, FAL, Link

Tales of Mystery and Imagination

einhorn

Oh! Schöne neue Welt, die solche Institutionen in ihr hat …

Ah, die Eingliederungshilfe! Welch wunderbare Einrichtung, wurde sie doch dafür geschaffen, Menschen, die von Unbill geschlagen, die Härten des Daseins auskosten müssen, einen Ausgleich zu schaffen, Nachteile aus dem Weg zu räumen, das Ferne, Unmögliche, zu Nahem, Greifbarem werden zu lassen.

(Hier nun gehen wir zum Schrank, greifen zum alten Vinyl und legen eine Platte auf, Louis Armstrong, „It’s a wonderful worldl“. Nein bitte kein Media Player, kein Handy, kein irgendwasPod, nicht mal Radio. Lagerfeuer gehört dazu, dem elektronisch-digitalen-Hack sei für einen Moment der Rücken gekehrt. Von links treten drei goldbelockte Englein auf und summen mit.)

Was für eine wundervolle Welt, die solche Institutionen kennt, eine Welt der Gedanken an pinkfarbene Einhörner, der Männer, die sich die Hände nach dem Pinkeln waschen, eine Welt der Perpetuum Mobile, die keine Umweltverschmutzung kennt.

(Verträumt haben wir mittlerweile die Platte gewechselt, John Lennon ergreift uns mit Imagine.)

Eine Welt in der John Lennon kein sexisches Aschloch war.

Das Bild wechselt, ein Jahr zurück, ich stelle einen Antrag auf Eingliederungshilfe. Ein Fahrzeug, das es mir ermöglicht, selbst zu fahren. (FYI: ich bin recht hoch querschnittsgelähmt, und, wie unverschämt, möchte trotz meiner 54 Jahre studieren).

Enter: Eingliederungshilfe.

Die Idee hinter diesem Amt: Eine Stelle zu haben, die Aufwendungen koordiniert, Menschen mit Beeinträchtigungen aller Art den Zugang zum „normalen“ Leben, eine Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen. Kurz: Nachteilsausgleich.

(Im Hintergrund muht das unsichtbare pinkfarbene Einhorn. Und bitte keine Einwendungen, bei einem unsichtbaren mythologischen Tier bleibt es einem selbst überlassen was es für Geräusche von sich gibt. Also: Einfach mal die Klappe halten!)

Nun, 13 Monate später, nachdem der Bedarf geklärt ist, im Sinne von: Ja, Herr Hamm, die Situation mit Bus und Bahn ist unzumutbar, sie brauchen etwas anderes, werde ich abgespeist mit freien Fahrdienstfahrten. Nichts gegen meinen Fahrdienst. Dort reißt man sich die Beine aus um mir Fahrten zu ermöglichen. Allzu oft ist dies aber nicht möglich, aus verschiedenen Gründen, ich erreiche niemanden, es sind keine Fahrer frei, etc.

Anrufen, auf Rückruf warten, und dann davon abhängig sein, ob zufälligerweise möglich ist, was notwendig ist, hat nichts mit selbstbestimmter Lebensführung zu tun. Dies ist aber genau, was die Eingliederungshilfe ermöglichen soll. Fun fact: Die Bundesregierung hat die Behindertenrechtskonvention mit unterzeichnet, die exakt solche Dinge vorsieht.

Ganz besonderen Hautgout hat aber, dass diese Stelle schon vor der Prüfung, ob überhaupt ein Bedarf bestand, Anweisung herausgegeben hat an bestimmte Ämter, Gründe zu finden, mir diese Unterstützung abzulehnen.

Es wurden schon aus geringeren Anlässen Kriege geführt.

Hony soit qui mal y pense ist schon an der ersten Station ausgestaltet stiegen, wer so mit Lug und Trug arbeitet, verdient es von mir abgestraft zu werden.